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Der Pflanzendoktor

Arno Bourggraff

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Garten-Tipps Botanik

 
   

Blühende Obstbäume sind eine Zierde im Garten und in der Landschaft. Doch eine volle Blüte bedeutet nicht, dass eine reichhaltige Ernte zu erwarten ist. Oftmals ist zu beobachten, dass, obwohl der Baum offensichtlich gesund ist und das ertragsfähige Alter erreicht hat, die Fruchtbildung unterbleibt. Diese Tatsache kann auf vielfältigen Ursachen beruhen. So haben vor allem botanisch-genetische Gegebenheiten, das Klima, aber auch die Attraktivität der Blüten auf Insekten großen Einfluss auf die Befruchtung unserer Obstgehölze. Das Wissen um diese Faktoren erleichtert den Anbau von gesundem Obst im Garten und hilft, Enttäuschungen zu vermeiden. So gibt es einen Reihe von Möglichkeiten, die Befruchtung bzw. die Fruchtbildung von Obstgehölzen zu fördern und damit die Grundlage für eine erfolgreiche Ernte aus dem eigenen Garten zu legen.

Botanische Grundlagen
Früchte können sich aus den Blüten normalerweise nur dann bilden, wenn eine Befruchtung stattgefunden hat. Aus diesen Grund ist die Kenntnis über den Vorgang der Befruchtung sowie über die verschiedenen Blütenarten eine gute Voraussetzung für das Verstehen von Blühen und Fruchten eines Obstgehölzes.

Der Vorgang der Befruchtung:
Der Blütenstaub (Pollen) wird durch Insekten (v. a. Bienen, Hummeln) oder durch den Wind, aus den Staubgefäßen (Antheren) auf die Narbe transportiert. Dort bildet er den Pollenschlauch aus, der durch den Griffel zum Fruchtknoten wächst. Hier verschmelzen jeweils eine männliche und eine weibliche Keimzelle. Daraus entsteht eine Frucht, die normalerweise den Samen für die Weitervermehrung der Art enthält.

Verschiedene Blütenarten:
Von großer Bedeutung für die Befruchtung ist der Aufbau und die Art der Blüte. Es gibt eingeschlechtige männliche und weibliche Blüten, die auf ein- und derselben Pflanze (einhäusig) oder auf zwei verschiedenen Pflanzen (zweihäusig) sitzen können. Daneben existieren Mischformen. Bei Zwitterblüten sind männliche und weibliche Organe in einer Blüte vorhanden. Kern-, Stein- und Beerenobst besitzen Zwitterblüten, Walnuss, Haselnuss und Kiwi eingeschlechtige Blüten. Wal- und Haselnuss sind einhäusig, Kiwis zweihäusig.

Unverträglichkeit zwischen Befruchtungspartnern
Besonders bei Obstgehölzen liegt oft eine Unverträglichkeit (Sterilität) innerhalb einer Sorte vor, die verschiedene Ursachen haben kann. Physiologisch bedingte Sterilität zwischen Befruchtungspartnern entweder derselben Blüte, derselben Pflanze, derselben Sorte oder von Sorten untereinander kommt dadurch zustande, dass das Pollenschlauchwachstum im Griffelgewebe durch biochemische Vorgänge in der Pflanze verhindert wird.
Genetisch bedingte Sterilität liegt dann vor, wenn ein Befruchtungspartner aufgrund der Erbanlagen nicht befruchtungsfähig ist. Das ist z. B. bei Pollen von Obstsorten mit triploidem (dreifachem) Chromosomensatz der Fall. Im Chromosomensatz ist das Erbgut enthalten. Meistens ist er diploid (zweifach).
Morphologisch bedingte Sterilität ergibt sich, wenn die Staubgefäße verkümmert oder verformt sind, z. B. durch Umwandlung in Blütenblätter, wie es bei gefüllten Blüten oft der Fall ist. Zierobstbäume sind deshalb als Befruchtungspartner eher ungeeignet.

Unterschiedliche Befruchtungsverhältnisse
Selbstbefruchter und Fremdbefruchter
Speziell im Obstanbau ist es von Bedeutung, darüber Bescheid zu wissen, ob für den Fruchtansatz der Pollen einer anderen Pflanze bzw. Sorte gebraucht wird oder ob eine Selbstbefruchtung möglich ist.

Bei Selbstbefruchtern können sich die Blüten innerhalb eines Baumes untereinander befruchten. Für eine Fruchtbildung wird kein zweiter Baum benötigt, jedoch nimmt der Ertrag durch Bienen-Bestäubung erheblich zu.

Bei Fremdbefruchtern ist eine andere Sorte derselben Obstart zur Befruchtung notwendig, weil der Pollen auf der Narbe derselben Sorte nicht keimen kann. Es müssen also mindestens zwei Bäume unterschiedlicher Sorte vorhanden sein. Zu berücksichtigen ist dabei, dass mit steigender Entfernung der Bäumen voneinander die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass der Pollen von einem auf den anderen Baum gelangt (Windrichtung beachten!).

Apfel- und Birnensorten, Haselnusssorten sowie die meisten Sorten der Süßkirsche sind generell selbstunfruchtbar (= selbststeril), müssen also von anderen Sorten befruchtet werden (Fremdbefruchter). Bei Süßkirschen gibt es sogenannte Intersterilitätsgruppen, das heißt, dass nicht nur innerhalb einer Sorte, sondern auch innerhalb bestimmter Sortengruppen eine Befruchtung nicht möglich ist. Sauerkirschen, Zwetschgen und Pflaumen beinhalten sowohl selbststerile als auch selbstfruchtbare Sorten. Quitten, Pfirsiche, Aprikosen, Walnussbäume und das Beerenobst sind selbstfruchtbar, jedoch wirkt Fremdbestäubung durch Bienen oftmals ertragssteigernd.


Mögliche Ursachen für unterbliebene Befruchtung/Fruchtbildung 
Wenn trotz reicher Blüte keine oder nur wenige Früchte gebildet werden, kann das folgende Ursachen haben: Zur Blütezeit des Obstbaumes findet kein Bienenflug statt, weil es zu nass und/oder zu kalt ist (Bienenflug erst ab +10° C; bei wechselhafter Witterung bleiben Bienen im Umkreis des Bienenstandes).
Die gepflanzte Sorte ist selbstunfruchtbar und der Baum steht sehr weit von dem Baum mit der Befruchtersorte entfernt, oder es sind weder zur Befruchtung geeignete Sorten noch bestäubende Insekten vorhanden.
Die gepflanzte Sorte ist selbstunfruchtbar und der zweite, als Befruchtersorte geeignete Baum blüht zeitlich versetzt, so dass die eine Sorte nicht mehr befruchtungsbereit ist, wenn die andere blüht.
Durch einen Kälteeinbruch bzw. Nachtfrost erfrieren die Blüten.
Es sind zwar alle Bedingungen für einen Flug der Bienen gegeben, diese finden aber ein attraktiveres Futterangebot (z. B. nahe gelegener Raps oder Löwenzahn) und verzichten auf die Obstblüten.
Die Blüten bilden wenig Nektar oder die Nektarproduktion dauert nur wenige Tage, so dass die Blüten für Insekten nicht attraktiv genug sind. Vor allem bei Birnen und Sauerkirschen ist dies zu beobachten.

Möglichkeiten, die Befruchtung/Fruchtbildung zu fördern 

Wenn ein Obstbaum neu gepflanzt werden soll, ist es wichtig, sich vorher darüber zu informieren, ob es sich um eine selbstbefruchtende oder um eine fremdbefruchtende Art bzw. Sorte handelt. Bei generell selbstunfruchtbaren Arten ist es ratsam, einen zweiten Baum zu pflanzen oder sich zu erkundigen, ob in der Nachbarschaft ein Obstbaum steht, der als Pollenspender in Frage kommt. Doch auch, wenn bei der Pflanzung solche Überlegungen nicht stattfanden, muss man nicht generell auf eine Ernte verzichten. Folgende Möglichkeiten stehen offen:
Es ist möglich, blühende Zweige einer geeigneten Pollenspender-Sorte in einem mit Wasser gefüllten Gefäß unter den Baum zu stellen oder im Baum zu befestigen.
Die Umveredlung eines Astes mit dem Reis einer Befruchtersorte sichert auf Dauer die Befruchtung. Ganz wichtig ist, bei der Sortenwahl darauf zu achten, dass beide Sorten gleichzeitig blühen.
Generell fördert es die Befruchtungsmöglichkeiten, wenn der Garten so bewirtschaftet wird, dass sich dauerhaft Insekten, vor allem Honigbienen, Hummeln und Wildbienen dort aufhalten können, damit zur Blütezeit genügend Pollenüberträger vorhanden sind.

Befruchtungsverhältnisse bei den verschiedenen Obstarten

Apfel Malus domestica
Apfelsorten sind generell selbststeril, benötigen also eine zweite Sorte zur Befruchtung. Triploide Sorten sind schlechte Pollenspender und müssen von diploiden Sorten befruchtet werden. Als gute Pollenspender gelten: 'Alkmene', 'Berlepsch', 'Pilot', 'Pinova', 'Pirella/Pirol', 'Piros', 'Resi', 'Rewena', 'Reglindis'. Schlechte Pollenspender sind z. B. 'Jonagold', 'Bohnapfel', 'Boskoop', 'Gravensteiner', 'Jakob Fischer''.

Birne Pyrus communis
Auch Birnensorten sind selbststeril und somit auf Fremdbefruchtung angewiesen. Als Befruchtersorte eignen sich z. B.: Frühe von Trévoux', 'Gellerts Butterbirne', 'Conférence', 'Vereinsdechantsbirne', Madame Verté'.

Süßkirsche Prunus avium
Die meisten Süßkirschsorten sind selbstunfruchtbar. Zudem gibt es ausgeprägte Gruppenunfruchtbarkeiten, die zu beachten sind. 'Hedelfinger' und 'Büttners Rote Knorpel' sind gegenseitig fruchtbar und gelten als sehr gute Pollenspender, z. B. auch für 'Burlat'. Selbstfruchtbare Sorten sind: 'Starkrimson', 'Sunburst', 'Stella' und 'Lapins'. Wissenswert ist, dass Wildkirschen in der Lage sind, sowohl Süß- als auch Sauerkirschen zu befruchten.

Sauerkirsche Prunus cerasus
Sauerkirschen sind meistens selbstfruchtbar und können auch durch Wind bestäubt werden, aber erst durch Insektenbestäubung erzielt man eine hohe Ernte. 'Gerema' ist selbstfruchtbar. 'Karneol' ist nur teilweise selbstfruchtbar, kann als guter Pollenspender aber auch einige Süßkirschsorten befruchten.

Quitte Cydonia oblonga
Quitten sind weitgehend selbstfruchtbar. Fremdbefruchtung wirkt generell ertragssteigernd.

Pflaume/Zwetschge Prunus domestica
Bei Pflaumen/Zwetschgen gibt es sowohl selbstfruchtbare als auch selbststerile Sorten, außerdem Übergangsformen. Prunus-domestica-Sorten können von Schlehen (Prunus spinosa) und Kirschpflaumen (Prunus cerifera) befruchtet werden, wenn sie gleichzeitig blühen. Beispiele für selbstunfruchtbare Sorten sind 'Schönberger', und 'Große Grüne Reneklode'. Eindeutig selbstfruchtbar sind z. B. 'Katinka', aacks Schöne', 'Hanita', 'Nancy-Mirabelle', 'Oullins Reneklode'.

Pfirsich Prunus persica und Aprikose Prunus armeniaca
Bei Pfirsich- und Aprikosensorten besteht weitgehend Selbstfruchtbarkeit. Vereinzelt kommt Pollensterilität bei Pfirsichsorten oder Selbstunfruchtbarkeit bei Aprikosensorten vor, die jedoch bei uns wenig Bedeutung haben. Eine empfehlenswerte Pfirsichsorte ist 'Amsden'.

Walnuss Juglans regia
Walnusssorten sind selbstfruchtbar. Da Walnussblüten aber eingeschlechtig aufgebaut sind und männliche und weibliche Blüten oft zu verschiedenen Zeiten blühen, ist faktisch eine Fremdbefruchtung nötig.

Haselnuss Corylus avellana
Die Haselnuss, einhäusig mit eingeschlechtigen Blüten, die sich im zeitigen Frühjahr öffnen, ist ausschließlich auf Fremdbefruchtung durch den Wind angewiesen.

Für weitere Fragen steht Ihnen der Pflanzendoktor zur Verfügung. Schicken Sie eine Mail oder rufen Sie an.

Ihr Pflanzendoktor Arno Bourggraff
 

 
   
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